Juliette Khalil: Der Star um Mitternacht

Juliette Khalil in der Rolle der Ida Grünwald im spektakulären Bühnenbild der Volksopern-Produktion von „Aschenputtels Traum“. / Foto: Volksoper

Sie ist einer der Stars der Wiener Volksoper, sang auf einer Formel-1-Rennstrecke ebenso wie im Prater-Stadion und gibt Solokonzerte. Juliette Khalil singt dort, wo man sie am wenigsten erwartet, und bleibt sich dabei bemerkenswert treu. Auch zu Mitternacht beim Wissenschaftsball.

Was passiert, wenn man eine Sopranistin zu einem Formel-1-Rennen in die Steiermark schickt? Das Lauteste ist nicht mehr das Rennauto, Rennfahrer Lewis Hamilton hält sich die Ohren zu, und die Sopranistin überzeugt das Publikum. So geschehen im Sommer 2023, als Juliette Khalil auf dem Asphalt des Red Bull Rings in Spielberg gemeinsam mit Austropop-Musiker Christopher Seiler sowie Chor und Orchester zu einer musikalischen Verschmelzung der österreichischen und der steirischen Hymne anstimmte. Doch dann mischten sich krachende Geräusche von überfliegenden Show-Jets in den „Land der Berge“- und „Dachsteinlied“-Mix von Komponist Christian Kolonovits. Hamilton fiel darauf mit seiner Abwehrhaltung auf und verpasste wohl Khalils Stimme, die Fahrer, Politiker:innen, Hunderttausende vor Ort und ein Millionenpublikum an den Bildschirmen in ihren Bann zog. Schade für ihn, gut für Khalil: Der Auftritt in Spielberg sollte nur eine von vielen Bühnen bleiben, auf denen sie musikalische Grenzen überschreitet.

Obwohl Khalil in ihrer Kindheit die Einzige in ihrer Umgebung war, die mit Musik mehr anfangen konnte, als ihr nur zuzuhören, wurde ihr Talent schon früh von der Familie gefördert. Auch aus ihrem Umfeld gab es Rückhalt: „Meine Volksschullehrerin hat mir empfohlen, weiterzumachen“, so Khalil in der Presse. Mit dem Eintritt in den Kinderchor der Wiener Staatsoper und der Rolle an der Wiener Kammeroper war der Berufswunsch klar: Das Mädchen, das am liebsten selbstbestimmte Frauen spielte, wollte auf die Bühne. „Ich war neun, und meine erste Vorstellung war die Oper ‚La Bohème‘, so Khalil. Später, nach dem Schulabschluss, folgte an der MUK, der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, das Studium MUT. Ein Akronym, das für musikalisches Unterhaltungstheater steht; die Ausbildung der Stimme für die Bühne. So wuchs Khalils helle Sopranstimme aus den Übungsräumen hinaus, hinein in Säle und Opernhäuser, wieder an die Wiener Staatsoper, wo sie einst im Kinderchor begonnen hatte.

Während dieser Zeit bekam sie außerdem den ersten Preis beim hoch renommierten Walter-Jurmann-Gesangswettbewerb und den frühen Hinweis, dass ihre Stimme viel mehr kann. Darauf folgte ihr Debüt an der Wiener Volksoper. Seither gehört sie zum Ensemble des Hauses, gastierte in den vergangenen Jahren in Deutschland, Japan und Luxemburg und baute ein beeindruckendes Repertoire auf: Oper, Operette und Musical, von Papagena in der „Zauberflöte“ über Adele in der „Fledermaus“ und Maria in „West Side Story“ bis hin zu Dorothy in „Der Zauberer von Oz“. Auf Instagram, wo Khalil gelegentlich Einblicke in ihr Privatleben gewährt, schrieb sie einmal, dass sie über das Jahr hinweg in bis zu 15 Produktionen auf der Bühne steht. Allein 2022 feierte sie sechs Rollendebüts, darunter auch „My Fair Lady“, ihr Kindheitstraum.

Auf der Fernsehbühne des Musikkomikers Austrofred besang sie zuletzt ihr musikalisches Spektrum außerhalb der Oper und verkündete danach, dass sie nun dort zu Hause sei, wo sie immer hinwollte: Sie wolle sich weder auf Oper noch auf Operette festlegen, sondern auf das, was sie könne und ausmache. So stand sie im Sommer 2025, zwei Jahre nach dem lautstarken Auftritt auf der steirischen Rennstrecke, wieder mit Christopher Seiler und seinem Bandkollegen Bernhard Speer auf der Bühne. Allerdings im Wiener Ernst- Happel-Stadion, auch als Prater-Stadion bekannt. Dort feierte das Duo Seiler und Speer das zehnte Jubiläum ihres Debütalbums unter dem Motto „A schware Partie 2025“ und hatte Khalil als Gast eingeladen, um gemeinsam die Hits „Ala bin i“ und „Ruaf mi ned au“ zu performen, dieses Mal in etwas kleinerem Rahmen, mit über 50.000 Zuschauer:innen vor Ort.

Der Festsaal des Rathauses wirkt bei der Mitternachtseinlage 2026 im Vergleich geradezu intim.